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OTTO WEININGER

SEIN WERK

UND SEINE PERSÖNLICHKEIT

VON

EMIL LUCKA

 

SCHUSTER & LOEFFLER IN BERLIN

 

 

 

 

 

 

 

OTTO WEININGER

 

 

 

 

 

 

 

 

BÜCHER VON EMIL LUCKA

 

Im Verlag von Schuster & Loeffler, Berlin:

 

Die drei Stufen der Erotik. 15.  Auflage

Grenzen der Seele. 9. Auflage

Die Phantasie.  Eine psychologische Untersuchung

Tod und Leben.  Roman

Eine Jungfrau.  Roman.  6. Auflage

Adrian und Erika.   Roman

Das Unwiderrufliche.  Vier Zwiegespräche

Winland.  Erzählungen.  6. Auflage

Buch der Liebe.   Verse

Das brennende Jahr.  44 Anekdoten

Heiligenrast.  Ein Roman aus alter Zeit.  10. Auflage

Der Weltkreis.   Ein Novellenbuch.  4. Auflage

Ehegeschichten.   Novellen.  4. Auflage

Die Verzauberten.  Ein Schauspiel

 

Im Verlag von S. Fischer, Berlin:

Isolde Weißhand.  Ein Roman aus alter Zeit. 52. Tausend

 

Im Verlag von Ullstein & Co., Berlin:

Das Brausen der Berge.  Roman

 

Im Verlag von Georg Müller, München:

Die Mutter.  Schauspiel

 

Im Verlag von Frisch & Co., Wien:

Thule.  Eine Sommerfahrt.  Prachtausgabe.

 

 

 

 

OTTO WEININGER

 

SEIN WERK

UND SEINE PERSÖNLICHKEIT

 

VON

 

EMIL LUCKA

 

 

3.bis 6. Auflage

 

 

SCHUSTER & LOEFFLER IN BERLIN

1921

 

 

 

 

 

 

 

A l l e  R e c h t e  v o r b e h a l t e n

 

 

2738. Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin W35 - Zossen

 

 

 

 

 

 

 

INHALT

 

Vorwort zur neuen Ausgabe

 

I.Vorbemerkungen

 

II. Die Probleme Weiningers aus dem Gebiete der Erfahrungswissenschaften (Biologie und Psychologie)

A.  Allgemeine biologische Probleme .

B.  Physiologisch-psychologische Probleme

C.  Probleme der allgemeinen und der differenziellen Psychologie

          1. Prinzipielles zur Psychologie

          2. Das Problem der Charakterologie

          3. Die sexuellen Typen

          4. Spezielle Psychologie von W

          5. Sexualität und Erotik

          6. Das Judentum

          7. Das Wesen der Genialität

 

III.     Die Probleme Weiningers aus dem Gebiete der Normwissenschaften

A.  Allgemeine Werttheorie

B.  Logik

C.  Ethik

 

IV. Metaphysik oder Persönlichkeits-Philosophie

A.  Der Mensch alsMikrokosmos und die Natur als Symbol

B.  Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum

 

V. Schluß

 

 

 

 

VORWORT ZUR NEUEN AUSGABE

 

    Als diese Schrift zum erstenmal erschien, war ich siebenundzwanzig Jahre alt, jetzt bin ich dreiundvierzig.  Aus diesen Daten allein geht wohl schon hervor, daß manches anders aussehen müßte, wenn ich heute eine ähnliche Arbeit unternähme.  Es blieb mir die Wahl, alles neu zu machen oder alles zu lassen, wie es da steht.  Im ersteren Fall hätten sich zweifellos – auch gegen meine Absicht – eigene Gedanken und Urteile in den Vordergrund geschoben; ich müßte heute den extremen Dualismus Weiningers, der eigentlich Spiritualismus ist, ablehnen und ebenso seinen ethischen Rigorismus, der in dem Paradoxon gipfelt, daß Leben, und sittliches Leben unvereinbare Gegensätze sind (auch seine Theorie, daß Genialität klarstes Bewußtsein sei und einiges anderes).  Ich habe meine eigenen Gedanken über verwandte und fremde Gegenstände in den beiden Büchern „Die drei Stufen der Erotik“ und „Grenzen der Seele“ niedergelegt und werde einmal noch anderes folgen lassen.  Weil es sich aber in dem vorliegenden Büchlein um Otto Weininger handelt und mir die Darstellung seiner Gedanken noch heute klar und übersichtlich scheint, so entschied ich mich für den zweiten Weg: ich ließ alles, wie es ist und habe nur die Polemik fortgelassen.  Zwischen Weininger und seinen Herabsetzern hat indes die Zeit gerichtet: sein Werk lebt, dringt in immer weitere Kreise und nimmt heute eine nicht mehr zu schmälernde Stellung in unserer Gedanken- und Kulturwelt ein; von den Artikeln und Schriften aber, die kurz nach seinem Tode gegen ihn herauskamen, weiß man nichts mehr, kaum den Namen der Verfasser.  Meine Schrift wurde vielfach zu schwierig gefunden, schwieriger als die Werke Weiningers, zu denen sie doch einen Weg bahnen sollte. Dies mag seine Richtigkeit haben, ich würde heute manches weniger schulmäßig ausdrücken, doch ich habe nach einiger Überlegung auch da alles beim alten gelassen, um nicht mit unvermeidlich Fremdem zwischen Weininger und seine Leser zu treten, denn dieses Büchlein ist und bleibt Weininger dargebracht, und seine Stimme allein soll vernommen werden.

 

Wien, Jänner 1921.

 

Emil Lucka.

 

 

 

Für die Philosophie gibt es streng genommen
überhaupt keine Spezialuntersuchung;
jedes ihrer Sonderprobleme dehnt seine Linien
von selbst in die höchsten und letzten Fragen aus.

W. Windelband.

 

 

 

 

1. VORBEMERKUNGEN

 

    Kurze Zeit nach dem Tode Otto Weiningers (4. Oktober 1903) wurde es mir von befreundeter Seite nahegelegt, etwas über ihn und sein Werk zu veröffentlichen.  Ich habe mich jedoch damals nicht hierzu entschließen können, weil mich die Roheiten und Bosheiten, die dem Verstorbenen noch in das offene Grab von verschiedenen Leuten nachgesandt wurden, sowie auch die Lobsprüche, die ihm Wohlwollende in wenig passender Weise spendeten, nicht sonderlich anregen konnten, in den Chor einzustimmen.  Wenn der Lärm verrauscht ist, dachte ich mir, wird ja wohl ein Buch wie „Geschlecht und Charakter“ durch die Kraft seiner Gedanken hinreichend deutlich für sich selbst sprechen.  Es scheint aber, daß ich den Willen zur Wahrheit sowie das Fassungsvermögen der meisten Beurteiler überschätzt, daß ich die große Gewalt gehätschelter Lieblingsmeinungen und den Ärger über Dinge, die unangenehm zu hören sind, nicht hinreichend gewürdigt hatte.  An vielen Orten hat „Geschlecht und Charakter“ Beifall, ja Begeisterung erregt; mancher hat auch erkannt, daß es sich nicht so sehr um die zulängliche Beweisführung für diesen oder jenen einzelnen Satz, sondern um die Regeneration einer großen idealistischen en Weltanschauung handelt.  Es war aber nicht wohl vorauszusehen, daß sich's die ablehnende Kritik gar so leicht machen werde, wie sie es getan hat.  Kaum einer hat sich die Mühe genommen, den Gedankengängen zu folgen, und sachlich zu widerlegen, wo er nicht beistimmen konnte: man riß da und dort einen paradox klingenden Satz aus dem Zusammenhang, schrieb ein, wie man glaubte, vielbedeutendes, in Wahrheit aber nur die eigene Ohnmacht verratendes Rufzeichen dahinter, und sprach dann einige Worte von der Tribüne des überlegenen Richters herab, wenn man sich's nicht gar an verletzenden Bemerkungen über die Person des Autors genügen ließ.  Aber auch die wohlwollende Kritik zeigte zum größten Teil kein Verständnis für. die Probleme des Buches.  Besonders dies hat mich bestimmt, hier die wichtigsten Gedanken Weiningers in kurzer und möglichst übersichtlicher Weise darzustellen, wo ich mich zum Urteil befähigt fühlte, sachliche Kritik zu üben, auch einige Hinweise auf den Verfasser einzuschalten.  Vielleicht wird hierdurch manchem der wertvolle, ja unsterbliche Gehalt des Buches faßlicher, denn es ist seiner weiten Anlage nach nicht nur für Biologen, Psychologen und Ethiker vom Fach bestimmt, sondern in erster Linie für den Höhergebildeten, der es noch nicht verlernt hat, sich für allgemeine philosophische Probleme zu interessieren.  Den eigentlichen Anstoß zur Abfassung der vorliegenden Schrift gab aber der Wunsch von Weiningers Vater und eine im Oktober 1904 erschienene Broschüre, die in sachunkundiger und durchaus leichtfertiger Weise nach ehemals beliebter, heute allerdings etwas abgestandener Methode Weininger zum Irren stempeln will und ihn so neben den vorletzt entdeckten Narren Goethe stellt; dies ist aber zuviel der Ehre.

    Ich glaube zur Darstellung von Weiningers Gedankenkreis aus dem Grunde befähigt zu sein, daß ich in den zwei Jahren vor seinem Tode (bis auf die letzten drei Monate, die er teilweise in Italien zugebracht hat) sehr vertrauten Umgang mit ihm gepflogen habe, das Werden von „Geschlecht und Charakter“ zum großen Teil miterlebt und fast alle Details mit ihm wiederholt durchgesprochen habe.  Zudem decken sich meine eigenen Anschauungen vielfach mit denen Weiningers; sie haben zwar großenteils schon festgestanden, bevor ich seine Bekanntschaft gemacht hatte, erlitten aber durch seinen Einfluß vielerlei Modifikationen und haben in einigen Punkten auch auf ihn eingewirkt.  Ich bemerke gleich hier ein- für allemal, daß ich nicht alles billige, was er sagt, wohl aber das meiste.  Zur Kritik im einzelnen wird sich Gelegenheit ergeben.  Um jedem ein eigenes Urteil zu ermöglichen, wie weit ich allenfalls beitragen könne, Mißverständnisse aufzuklären, die sich in Menge aus der unzulänglichen Auffassung verschiedener Kapitel ergeben haben, will ich mir vorerst gestatten, einige persönliche Daten über mein Verhältnis zu Weininger mitzuteilen.

    Mehrere junge Männer, die sich alle für erkenntnistheoretische Probleme interessierten, hatten sich mit mir zusammen zu einem Kreise vereinigt, der solchen Studien gewidmet war.  Im Jahre 1901 versammelten wir uns wöchentlich einmal in einer Werkstätte, die dem Vater eines der Teilnehmer gehörte, und lasen unter der Leitung eines Sachkundigen die „Kritik der reinen Erfahrung“ von Richard Avenarius.  Wir nahmen die Sache ernst und sprachen über manchen Satz stundenlang.  Ein Freund führte in diese Gesellschaft den einundzwanzigjährigen Otto Weininger ein, der das Buch schon genau kannte und überhaupt in der modernen psychologischen und erkenntnistheoretischen Literatur vollkommen zu Hause war. (Ein Jahr vorher hatte er am Psychologenkongreß zu Paris teilgenommen.) Während der Diskussionen verhielt er sich meist schweigend, und stellte, wie es schien, Beobachtungen an, kam auch nicht allzuoft.  Er ist damals ein entschiedener Anhänger des Empiriokritizismus von Avenarius gewesen, den er später ganz verwarf, war aber für andere Ansichten sehr empfänglich.  Einen großen Teil des Rückweges gingen wir miteinander, und es stellte sich heraus, daß unsere Gedanken auffallend viele Berührungspunkte zeigten.  Obwohl ich um mehrere Jahre älter war als Weininger, war er mir an Wissen doch weit überlegen, und wies mich auf vieles hin, was mir noch nicht bekannt war.  Ich lud ihn zu mir ein, und es entspann sich binnen kurzem ein äußerst lebhafter und freundschaftlicher Verkehr. Unser Interesse an allen Zweigen der Philosophie und der Psychologie war gleich stark, wir harmonierten in den meisten Punkten, und besonders seit er in einem früheren Aufsatz von mir eine ziemlich beiläufige Bemerkung über die Frauen gefunden hatte, war vollständige Übereinstimmung eingetreten.  Er machte mir ein Kompliment über guten psychologischen Instinkt und gab mir seine Dissertation (deren Ausarbeitung „Geschlecht und Charakter“ ist) zu lesen.  Sie fesselte mich außerordentlich und brachte mich eine Zeitlang ganz in seinen Bann.  Wir saßen manche Nacht beisammen – oft mit anderen Freunden – und besprachen fast alles, was er noch weiter ausarbeitete.  Dieser intime Verkehr währte das Jahr 1902 und die erste Hälfte des Jahres 1903.  Dann wurde es immer schwerer, Weininger zu behandeln; er saß oft lange Zeit ganz in sich versunken und hörte kaum dem Gespräch zu.  Nach dem Erscheinen von „Geschlecht und Charakter“ (Mai 1903) trafen wir uns meistens nur noch einmal die Woche; er machte damals mir und anderen nicht selten einen düstern, unheimlichen Eindruck, konnte aber wieder höchst heiter sein.  Auf seinen damaligen Zustand komme ich noch ausführlich zu sprechen.

    Was mich an Weiningers Person besonders anzog, war ein Zug, der sich schwer beschreiben läßt.  „Unglücklich“ ist vielleicht nicht so zutreffend wie „glücklos“ oder „glückfremd“.  Ich glaube, Weininger hat nie in seinem Leben ein glückliches Gefühl, kaum das einfach vegetative der Ruhe gekannt, war sich aber über diese Unfähigkeit zum Wohlbefinden ganz klar und hat darunter gelitten.  Es ergriff mich oft, wie er stets von seinen Theorien gequält war, und nur selten naiv und unbefangen blicken konnte.  Er hätte in hohem Maße das Bedürfnis gehabt, reflexionslos zu lieben, besaß aber viel zu viel Redlichkeit gegen sich selbst, um nicht gleich wieder in fortgesetzter Analyse seinen letzten Motiven nachzugehen, seine Gefühle im Entstehen zu zerfasern und ethisch zu werten.  Wie er über die Liebe (im Gegensatz zur Sexualität) dachte, geht aus dem Kapitel „Erotik und Ästhetik“ hervor.  Weininger war ein Mensch, der nicht Moral predigte und Theorien aufstellte, um sich's hinterher wohl sein zu lassen; jeder Satz, den er für wahr erkannt, jedes moralische Postulat, das er aufgestellt hatte, war zuerst für sich selbst gesprochen; er hat es zustande gebracht, seine Philosophie zu leben, und wie er sich schwach fühlte, ist er freiwillig gestorben.  Welche Philosophie das aber ist, die so wirkt, die Leben zu gestalten vermag – das ist, persönlich betrachtet, gleichgültig.  Mag die Lehre des Sokrates gut oder schlecht gewesen sein; er war so von ihr erfüllt, daß er schuldlos gestorben ist, „weil es notwendig ist, daß man den Gesetzen gehorche“.  Weininger hat als sein Gesetz nicht fremde Tafeln, anerkannt; er hat es aus seiner eigenen Persönlichkeit hervorgeholt und dem gelebt, was ihm als Postulat sittlicher Autonomie galt.  Daß jemand sein höchstes Gesetz in sich selbst trägt, ist heute freilich verschollene Kunde.  Man bezieht es lieber von der Bequemlichkeit oder vom bürgerlichen Nutzen, wenn man sich’s nicht gar von der Polizei diktieren läßt.

    Ich glaube, daß sein Mißverhältnis zu allem, was Glück geben kann, Weininger den Selbstmord erleichtert hat, wenn dies auch selbstverständlich nicht der eigentliche Grund ist.  Wer Ernst damit gemacht hat, sich die stärkste vorhandene Illusion, den Glauben an das Ewig-Weibliche, der gerade dem Größeren so sehr Bedürfnis. ist, zu vernichten, steht dem Leben in seiner bunten Wirklichkeit schon recht kalt gegenüber.  Die Genüsse der Sinnlichkeit und Behaglichkeit, die dem Philister das Leben schlechthin, soweit es einen Sinn hat, bedeuten, sind bei Weininger, wie bei höheren Menschen in der Regel, kaum in Betracht gekommen.  Er stand ihnen gleichgültig gegenüber und merkte kaum, wenn er Hunger hatte.  Nur das Anhören von Musik (besonders von Bach, Mozart, Beethoven, Wagner und Bruckner) und die Schönheit der Natur wirkte auf ihn.[1]) Auf die eigentlichen Motive seines Selbstmordes werde ich noch zurückkommen.

    Ich habe das Vorstehende so ausführlich erzählt, um anzudeuten, daß mir alle Gedanken Weiningers (mit Ausnahme einiger der letzten Aphorismen) klar und verständlich sind, da er sie vielfach mit mir besprochen hat, und auch Einwände, zwar nicht gerne, aber doch mit Geduld anhörte.  In allem, besonders in den Teilen, die Erkenntnistheorie betreffen, kann ich ihm allerdings nicht zustimmen, obgleich mir auch da der Zusammenhang mit seinen Problemen immer bewundernswert erfaßt zu sein scheint; zur Beurteilung des biologischen Teiles (der in der ersten empiriokritischen Fassung viel umfangreicher war) reichen meine Kenntnisse nicht immer aus.  Dagegen halte ich fast alles, was Weininger auf dem Gebiete der Erfahrung über einzelne Themen der Psychologie und Charakterologie sagt, zumal was sich auf die Frauen bezieht, für wahr und bedeutend; es ist kaum jemals einem Theoretiker vergönnt gewesen, so tiefe Blicke in die menschliche Seele zu tun, und das in abstrakter Form auszusprechen, was ein Shakespeare, ein Dostojewskij konkret gestaltet haben.  Ich zweifle gar nicht daran, daß nur das heute allgemein verbreitete Vorurteil und die Scheu vor der ungemütlichen Wahrheit alle klar schauenden Männer abhalten können, ihre Zustimmung zu erteilen.  Es ist schon so weit mit der Kompromiß-Weltanschauung gekommen, daß Konsequenz, das heißt logisches Denken, für paradox gilt.  Aber es wird eine Zeit kommen, wo man es nicht begreifen wird, wie jemals so offen zutage liegende Dinge, deren Erkenntnis Fachstudien eher verhindern als befördern, übersehen werden konnten.  Ob dann ein jeder die Wertungen Weiningers akzeptieren wird, ist eine ganz andere Frage; aber die Tatsachen wird man sehen.  Mµ³±»· ® à»·¸µ1± x±1 Í;µ¿1ÃÇŵ1.

  Es scheint mir für meinen Zweck geboten, die wichtigsten Probleme, mit denen sich Weininger beschäftigt hat, darzulegen, soweit tunlich, an jedem einzelnen zu zeigen, was er übernommen, was er neues geschaffen hat, wie er die uralten Fragen, die die Menschheit bewegen, formuliert und weitergeführt, wie er neue gestellt hat.  Es wird sich herausstellen, daß Weininger die von Kant begründete Ethik auf die Psychologie und Charakterologie angewandt und auf ihrem eigensten Boden neue Lösungen gefunden hat.  Der ethische Idealismus wird an Fichte, die philosophische Schöpferkraft (die heute so im Verruf steht) an Schelling denken lassen, die Konsequenz um jeden Preis und manches Sachliche an Kierkegaard, der tragische Dualismus an Hebbel. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß hier nur die wichtigsten Gedanken, und die in Umrissen auftreten können, denn um den Reichtum von „Geschlecht und Charakter“ kritisch zu würdigen, wäre ein Buch notwendig von nicht geringerem Umfang als das behandelte.  Dagegen werde ich einzelnes gründlicher besprechen.

    Bei der Darstellung der Probleme folge ich im ganzen der Einteilung der Wissenschaften, die Wilhelm Windelband in seinen Abhandlungen: „Was ist Philosophie“ und „Normen und Naturgesetze“ angeregt hat[2]); auch Heinrich Rickerts „Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung“ (1902) geben einige Anhaltspunkte.  Windelband unterscheidet 1. Wissenschaften, die theoretische Urteile über das aufstellen, was wirklich ist, die Gesetze feststellen oder einzelne Ereignisse erforschen und systemisieren, die Erfahrungswissenschaften; 2. Wissenschaften, die die Gesetze des „Normalbewußtseins“ erforschen, dessen, was allgemein gelten soll, auch wenn es nie wirklich wird; ihr Gegenstand sind die Beurteilungen, nicht die Urteile, d. h. die Werte. Windelband definiert so die Philosophie als „die kritische Wissenschaft von den allgemein gültigen Werten“ (S. 30).  Wenn der Name der Philosophie den normierenden Wissenschaften überhaupt gewahrt bleiben soll, so muß, wie ich glaube, an ihrer Spitze eine Disziplin stehen, die die Funktion des Normierens, das Wesen der Norm, das allen Zweigen Gemeinsame zum Gegenstande hat. Diese oberste Normwissenschaft wird allgemeine Werttheorie heißen müssen.  Die drei einander koordinierten speziellen Normwissenschaften sind nach Kants und Windelbands Vorgang die Wissenschaft vom richtigen Denken (Logik), vom richtigen Wollen (Ethik), vom richtigen Fühlen (Ästhetik), wobei ich von der Frage, ob eine normative Ästhetik, wie sie die Kritik der Urteilskraft begründet, haltbar sei, ganz absehe.  Diese Zweige hätten zusammen das „Normalbewußtsein“ zu konstituieren.

    Es ist den Normwissenschaften wesentlich, daß ihre Sätze allgemein und ohne Beziehung auf die Zeit Geltung haben.  Hieraus geht aber hervor, daß es eine Theorie geben müsse, die, die rein begrifflichen, zeitlos geltenden Normen in ein Verhältnis zur Zeit bringt, sie für die Kultur fruchtbar macht.  Dieser Zweig, der die Anwendung der Normen auf die Geschichte der Menschheit zum Ausdruck zu bringen hätte, ist besser als Kulturphilosophie denn als Geschichtsphilosophie und Rechtsphilosophie zu bezeichnen, und muß hauptsächlich den Wert der Religion, Kunst und Wissenschaft, nicht an sich, sondern für die Kultur untersuchen.  Die Kulturphilosophie hätte also neben der oberen, formalen Synthese, der Wertlehre, die untere, mehr inhaltliche Synthese zu vollenden; sie konstituiert das Kulturbewußtsein. Eine weitere Begründung dieses Schemas ist hier nicht erforderlich.

    Der Sinn und die Vorteile der Disposition sind klar: die Psychologie (als Gesetzeswissenschaft aufgefaßt) untersucht das menschliche Denken, wie es sich in Wirklichkeit abspielt, ohne Rücksicht darauf, ob wahr oder falsch gedacht werde.  Nur die Gründe interessieren sie warum dieser Mensch jetzt gerade so und nicht anders denkt; sie sucht alle Irrtümer in ihrer psychologischen (erfahrungsmäßigen) Bedingtheit zu begreifen.  Ihr Ideal ist, das menschliche Denken in seiner Fülle zu erschöpfen und vorauszubestimmen.  Die Logik aber fragt nicht, warum denkt dieser Mensch so und jener anders, warum kommt jeder zu anderen Resultaten?  Sie sucht die Normalgesetze des Denkens auf, sie fragt nach dem Wahren, nicht nach dem Wirklichen, sie konstruiert das normale Denken der Menschheit, die gesamte wissenschaftliche Philosophie das Normalbewußtsein der Menschheit.  Sie bildet so gewissermaßen ein Gegenstück zu einer einzigen Erfahrungswissenschaft, der Psychologie, mit der sie in seichten Zeiten auch gerne gleichgesetzt wird.

    In Weiningers Darstellung ist öfters die Beschreibung psychologischer Tatsachen und die zugehörige Theoriebildung mit der Wertung nach logischen und ethischen Normen verwoben.  Dies hängt damit zusammen, daß er auf die ursprüngliche, rein beschreibende Konzeption von „Geschlecht und Charakter“ (in seiner Avenarius-Periode) eine ethische Werttheorie aufgebaut hat (in seiner Kant-Periode); daß aus einer Spezialarbeit über Biologie, Psychologie und Charakterologie ein philosophisches Buch geworden ist. Weininger begründet diesen Mangel an Einheitlichkeit in der Vorrede (S.  XII): „Vielleicht wird mancher dafürhalten, daß ich aus dem Ganzen besser zwei Bücher hätte machen sollen, ein rein naturwissenschaftliches und ein rein introspektives.  Allein ich mußte von der Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu können.“ Der Mangel ist ausschließlich methodischer Natur und tut den Gedanken keinen Abbruch; aber er erschwert die systematische Darlegung, die ich beabsichtige, und es ist manche mit einem Wertindex behaftete Frage in den Abschnitten nicht zu umgehen gewesen, die davon eigentlich nicht hätten berührt werden sollen.

    Die von mir befolgte Methode hat, ich verhehle mir es nicht, noch einen sehr wesentlichen Nachteil.  Sie kann dem großen Zug der Darstellung Weiningers, die in einem Anlauf hinanstürmt und, von der ganzen Wucht der Konsequenzen getragen, siegt nicht folgen, sondern muß die Probleme gesondert und einige sogar in Teile zerrissen (so z. B. das Wesen der Genialität) vorführen.  Wenn ich trotzdem um der größeren Klarheit willen den mühsameren Weg der systematischen Darstellung gewählt habe, so geschah es, weil mein Leitfaden keinesfalls einen Ersatz der eigenen Lektüre, sondern nur eine kleine Hilfe bieten sollte.  Die Größe von Weiningers Weltanschauung kann nur aus dem systematischen Hauptwerk „Geschlecht und Charakter“ und aus der nachgelassenen Sammlung „Über die letzten Dinge“ richtig erfaßt werden.

    Es wird jetzt einleuchten, was die vorangehenden Ausführungen sollen: notwendigstes Erfordernis in jedem Gedankensystem, vollends in jedem philosophischen ist, genau zu sondern.  Ein anderes ist es, die Wirklichkeit beschreiben, in Gedanken abbilden und begrifflich-systematisch ordnen; ein anderes, Normen aufstellen, Postulate begründen für das, was sein soll.  Wenn der Positivist glaubt, die letzteren entbehren zu können, so ist er über sein eigenes Beginnen im unklaren, denn die simpelste Nützlichkeitsdoktrin ist ein System von Normen, und ein viel dogmatischeres als die formale Ethik Kants, die nur die Form alles Normierens kennt.  Hätten die Kritiker Weiningers genau auseinanderzuhalten verstanden, wo er beschreibt und wo er postuliert, so wäre viel Unsinn ungesagt geblieben.

  Das größte, ja das einzige Positive, was die Spezialwissenschaften für die Philosophie, für die Stellung des Menschen zur Welt, leisten können, ist vielleicht die Erkenntnis, daß keine einzige, wie immer geartete wissenschaftliche Einzel-Erkenntnis den geringsten Einfluß auf eine wirkliche Weltanschauung haben kann.  Die Ergebnisse der Naturwissenschaften, der Psychologie und der Geschichtswissenschaften mögen sein, welche sie wollen, – sie können der Philosophie nichts bieten.  Der Naturforscher kommt nie zur Frage der Fragen, zum Problem des Wertes: was bedeutet das alles?  Wenn jemand trotzdem glaubt, vom speziellen Standpunkt, von Naturwissenschaft oder Historie, etwas zur Beurteilung alles Seins leisten zu können, so beweist er nur, daß er den allgemeinen Punkt noch nicht einmal gesehen hat, auf dem er Posto fassen müßte.  Die Geschichte des menschlichen Denkens könnte ja leichtlich die Unabhängigkeit der Philosophie von jeder Einzel-Erfahrung demonstrieren, aber man liebt es heute zu glauben, daß durch die Spezialisierung der Naturwissenschaften etwas prinzipiell Neues in die Welt gekommen sei.

    Der Fundamentalfehler jeder naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist die Fragestellung, die ihr konsequenterweise als wichtigste anhaften muß: Was können wir wissen?  Diese Frage darf aber nicht die erste sein, sondern erst die zweite.  Die erste heißt: Was wollen wir wissen?  Erst wenn die entschieden ist, sollte weiter gefragt werden, was wir von allem Wissenswerten auch wissen können, und so kommen wir an die Grenzen der Erkenntnis.  Im Alles-Wissen-Wollen (das ist der Wunsch, der die erstere Frage gestellt hat) liegt aber schon die Unmöglichkeit einer einheitlichen Methode inbegriffen; es werden „Regenwürmer“ gefunden anstatt Edelsteine, denn wenn man alles wissen will, so findet man natürlich meist Wertloses, und glückt einmal ein guter Fund, so ist es Zufall.  Daran krankt unser wissenschaftlicher Geist am meisten, daß er (auf allen Gebieten) zusammenscharrt und den Staub in Archiven deponiert, anstatt erst zu fragen: Was gilt's? und dann zu suchen.  Vielleicht wäre es aber dann nicht mehr so leicht, Kärrner zu sein, wie es heute tatsächlich ist.

    Der bedeutsamste Unterschied zwischen allen Philosophien ist der Maßstab, wovon der höchste Wert abgenommen wird.  Für die einen (Spinozismus, alle Arten des Positivismus) ist einziges Maß das Sein, und Hegel hat mit seiner Gleichung Sein = Vernünftigsein = Gutsein die letzte Formulierung alles Naturalismus gegeben[3]).  Wenn diese Philosophie konsequent ist, so kennt sie keine Persönlichkeit und keinen Wert und verzichtet auf alle Logik.  Ihr bedeutet alles gleich viel – nichts. Die anderen Philosophen (alle idealistischen und religiösen Systeme) erkennen eine Instanz an, woran die Wirklichkeit zu werten ist, sie suchen nach den Kriterien der Wahrheit, und nur für sie gibt es eine Normwissenschaft und eine Kultur, d. h. ein System von gewollten Werten.  Für sie ist der Mensch noch etwas anderes als ein lustsuchendes und schmerzfliehendes Tier. Weininger hat diesen Willen zum Wert klar gefaßt und verewigt, er war sein treuester Prophet, und in dem höchsten Wert, dem der Wahrheit, treffen ihm Logik und Ethik zusammen.  „Ein Mensch ist um so bedeutender, je mehr alle Dinge für ihn bedeuten“, je mehr Wert er ihnen schenken kann.

 

„Willst du dich der Weit erfreun,
Mußt der Welt du Wert verleihn“
[4])

 

hat der heute als „Monist“ verschriene Goethe in Schopenhauers Tagebuch geschrieben.

 

    Je höher in einem Menschen der Wille zum Wert potenziert ist, desto mehr ist dieser Mensch (und je mehr eine Kultur davon durchtränkt ist, desto größer ist sie).  Auf dem Gebiete der Erkenntnis heißt er Wille zur Wahrheit, und im Philosophen wird er Wille zum System. Ob einer die Kraft hat, das System auszubauen, ist eine sekundäre Frage, auf deren Beantwortung wenig ankommt.  Aber das rastlose Streben nach der Überwindung aller Widersprüche, nach der Auflösung aller Dissonanzen in eine ungebrochene Harmonie, der unbeugsame Wille zur Synthese, zur Geburt der Einheit aus dem Vielen: ecce philosophus.  Und das war Otto Weininger. Der Mann, der die Welt zerbricht, um eine granitne Pyramide aus ihren Stücken erstehen zu lassen.

 

 

 

II.DIE PROBLEME WEININGERS AUS DEM GEBIETE DER ERFAHRUNGSWISSENSCHAFTEN (BIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE)

 

    In welchen Wissenschaften lassen sich Beweise im strengen Sinn führen?  Nur in den rationalen, in den Normwissenschaften.  Was in der Erfahrungswissenschaft Beweis heißt, ist immer ein Wahrscheinlichmachen, ein Einordnen des Neuen in den Kranz des Alten, eine widerspruchslose Beschreibung.  Die Frage nach dem Beweisenkönnen hat für das Gebiet der introspektiven Psychologie besondere Bedeutung.  Der Naturbeobachter richtet seinen Blick auf ein Phänomen der Außenwelt, teilt anderen in begrifflich gereinigter Sprache mit, was er gesehen hat, und fordert sie auf, denselben Gegenstand zu betrachten. Er rechnet darauf, daß sie seine Urteile bestätigen werden.  Nicht immer herrscht Übereinstimmung, aber meist läßt sich die Anerkennung aller anderen leicht gewinnen, wenn klar geschaut und richtig formuliert worden ist.  Anders verhält sichs bei der Schilderung dessen, was man im eigenen Bewußtsein wahrgenommen hat. Hier ist der Subjektivität natürlich ein viel größerer Spielraum frei, und in Aussagen über differenziertere Gegenstände wird die Zustimmung aller schwer zu erzwingen sein. Ja, es kann wohl geschehen, daß einer etwas genau in sich wahrgenommen hat, es auch gut beschreibt, und doch findet es der andere gar nicht in sich vor.  So bleibt der beschauliche Zustand des Mystikers den meisten unbekannt; mancher lächelt, wenn er die Schilderung liest, aber der wahre Psychologe, der Seelenkenner, konstatiert am anderen, was er selbst nicht ganz nachfühlen kann.  Von dieser psychologischen Evidenz, die nur bestätigen kann, ohne einen Beweis im Sinn der Geometrie zu kennen, will ich ein persönliches Beispiel geben: Als ich zum ersten Male bei Chamberlain den Satz las, Dante sei ein Germane gewesen, leuchtete mir dies mit großer Überzeugungskraft ein.  Manches, was mir beim Studium Dantes als unverträglich mit südlichem Wesen erschienen war, erhellte sich mir plötzlich, und ich sah das Bild des Dichters in größerer Schärfe vor meinem Auge.  So war es zufällig bei mir. Ein anderer aber fragt: wie beweist er seine Behauptung? (Ich sehe hier davon ab, daß sich bei Dante zufälligerweise genealogische Anhaltspunkte finden.) Und so ist die Möglichkeit für jede feinere Aussage, die eben auf dem Instinkt für Kultur und geistiges Wesen beruht, abgeschnitten, wenn da „Beweise“ im Sinne der Mathematik oder nur der äußeren Erfahrung gefordert werden.  Es ist mit vielen Gedanken wie mit der Außenwelt, deren Existenz nicht anders bewiesen werden kann als durch die ihr innewohnende Evidenz.  Der eine sieht in Dingen und Menschen, was dem anderen verschlossen bleibt.  Mit der unmittelbaren Evidenz ist schon mancher Mißbrauch getrieben worden, und doch kann die feinere Psychologie dieses Mittel nicht entbehren; fortwährende Kontrolle muß die unsichere Methode möglichst brauchbar machen.  Eine eigentliche Verständigung ist ja nur unter denen möglich, deren Interesse ungefähr denselben Gegenständen zugewandt ist, und die wenigstens zum Teil eine gemeinschaftliche geistige Basis haben, und nur von solchen wird man angeregt, die im Grundsätzlichen ähnlich denken.  Daß sich vom Gegner lernen lasse, ist nur sehr bedingt und in formaler Beziehung wahr.

    Viele Sätze Weiningers im zweiten Teil seines Buches haben diese selbe Evidenz (wobei aber die Wucht der geschlossenen Systematik dem gröberen Denken nachhilft).  Es gibt für psychologische Beobachtungen überhaupt keinen Beweis, sondern nur Verifikationen.  Darum hat ja unsere Zeit, die nur noch ihren Sinnen, nicht ihrem Denken traut, die experimentelle Psychologie, diese „knolligste“ aller Wissenschaften, erfunden, um bei Pulsmessern an Physik, bei Schwankungstabellen an Mathematik erinnert zu werden, so über das Wie des Beobachtens ganz das Was vergessend; und nun steht sie da wie Hans, der auszog, den Schatz zu suchen und stolz eine getürmte Last dürres Holz heimtrug.  Wie will man wohl wirkliche psychologische Beobachtungen (nicht empfindungsanalytische Messungen) beweisen?  Entweder leuchtet es ein, daß Othello ein wahres Bild der Eifersucht ist, oder nicht.  Allerdings ist die wissenschaftliche abstrakte Methode der Theoriebildung etwas anderes als die künstlerische Schöpfung einer individuellen Gestalt.  Und hier liegt auch der Fehler, dem Weininger mehrere Male nicht entgangen ist: er hat, was sein unglaublich feiner psychologischer Blick erschaut hatte, manchmal zu leichtfertig verallgemeinert.  Für die empirischen Wissenschaften und also auch für die Psychologie ist die Erfahrung maßgebend, und wenn auch das scharfe Auge des Bevorzugten nur ein sehr geringes Material braucht, und die Forderung einer riesigen Erfahrung durchaus schülerhaft und töricht zu nennen ist[5]), so bleibt doch die theoretische Ausbildung nur einer einzigen Seite der Wirklichkeit sehr zu fürchten, und davon ist Weininger nicht freizusprechen, so insbesondere bei der Theorie vom Genie und vom Ich.  Ich gehe nun zu den einzelnen Problemen über.

 

 

A. ALLGEMEINE BIOLOGISCHE PROBLEME

 

    Weiningers Grundproblem heißt: Mann und Weib. Er hat die allgemein-biologische und die anatomischphysiologische Literatur jahrelang systematisch durchforscht, hat am anatomischen und am physiologischen Institute der Wiener Universität, auf den Kliniken und in der Niederösterreichischen Landes-Irrenanstalt planmäßige Beobachtungen gesammelt, um das Material zu beherrschen und seine Auffassungen auf physiologischer Basis begründen zu können.  Ich vermag auf diesem Gebiet nicht zu entscheiden, was sein Eigentum ist, was er aus dem vorhandenen Schatz des Wissens entlehnt hat (wie in den Nachweisen zu ersehen), und stelle kurz seine Theorie dar.

    Wie sich aus der ursprünglich zweigeschlechtigen Anlage des menschlichen und tierischen Embryos erst später die männlichen oder weiblichen Genitalorgane herausbilden, um dem neuen Wesen seine Stellung fürs Leben anzuweisen, so ist anzunehmen, daß diese erste Anlage zwar nach einer von beiden Richtungen hin weiterentwickelt wurde, aber nicht ganz verschwunden ist.  Diese Theorie von der Bisexualität alles Lebenden hat nach dem Erscheinen von „Geschlecht und Charakter“ eine neue, sehr gediegene Bestätigung durch Dr. H. Swoboda („Die Perioden des menschlichen Organismus in ihrer psychologischen und biologischen Bedeutung“, Leipzig 1904) gefunden, der glaubt, daß die von ihm begründete Periodenlehre „einmal ein gutes Mittel sein werde, den Grad der Männlichkeit und Weiblichkeit – in Weiningers Terminologie, den Prozentgehalt an M und an W – festzustellen“ (S. 32). Es sind also in jedem lebenden Menschen männliche und weibliche Zellenelemente enthalten, ja jede einzelne Zelle ist als geschlechtlich charakterisiert anzunehmen. „Das Geschlecht steckt überall im Körper.“ Naegelis Idioplasmatheorie lehrt, daß jede Zelle eines vielzelligen Organismus Träger der gesamten Arteigenschaften sei; im Anschluß hieran führt Weininger die Begriffe des Arrhenoplasmas, der männlichen Zellsubstanz, und des Thelyplasmas, der weiblichen Zellsubstanz ein.  Ein Mensch, dessen Körper ganz aus ersterem aufgebaut wäre – ein Idealfall – müßte im physiologischen Sinn als der ideale Mann (M), ein Mensch aus letzterem bestehend, als das ideale Weib (W) angesprochen werden.  Beide kommen in der Wirklichkeit nicht vor. Zwischen den begrifflich konstruierten Extremen schwanken die lebenden Menschen, jeder hat seinen Teil von beiden Plasmen. „Es gibt unzählige Abstufungen zwischen Mann und Weib, sexuelle Zwischenformen.“[6]) Hier wird zum ersten Male die methodische Schulung Weiningers fruchtbar.  Das Objekt aller Wissenschaft ist der Typus, nicht der durch zufällige Umstände modifizierte Einzelgegenstand.  Nie kann ein Physiker die Fallgesetze in ihrer Reinheit in der Natur beobachten; aus der fragmentarischen Erfahrung muß er die Formel herausschälen, und sein bekanntes methodisches Mittel hierzu ist das Experiment. So verfährt Weininger auf seinem Gebiet. Gleichwie der Physiker ideale Typen von Wirklichkeiten konstruiert, die nie vorkommen und die er Gesetze nennt, so werden hier zwei sexuelle Idealtypen M und W aufgestellt.  „Nicht allein das ‚Objekt der Kunst’, auch das Objekt der Wissenschaft ist der Typus, die platonische Idee.  Die wissenschaftliche Physik erforscht das Verhalten des vollkommen starren und des vollkommen elastischen Körpers, wohl bewußt, daß die Wirklichkeit weder den einen noch den anderen ihr je zur Bestätigung darbieten wird; die empirisch gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur als Ausgangspunkt für diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen und werden bei der Rückkehr aus der Theorie zur Praxis als Mischfälle behandelt und erschöpfend dargestellt. Und ebenso gibt es nur alle möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem vollkommenen Manne und dem vollkommenen Weibe.“ Jeder wirkliche Mensch hat seinen Teil M und seinen Teil W in sich, was an den weiblichen Männern und den männlichen Frauen sinnfällig wird.  So gibt es gewissermaßen nur sexuelle Zwischenstufen. Dieses Prinzip erweist sich als äußerst fruchtbar und führt zu einer zweiten Gruppe von Fragen hinüber.

 

 

 

B.PHYSIOLOGISCH-PSYCHOLOGISCHE PROBLEME

 

    Das Geschlechtsleben des Menschen ist von seiner Physis bestimmt. Die Tatsache des verschiedenen sexuellen Geschmackes fordert die Frage nach den Gesetzen dieses Geschmackes gebieterisch heraus, und Weininger stellt nun das wichtigste dieser Gesetze mit einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit auf; ,ausdrücklich betont er aber, daß noch andere zu suchen bleiben.  Das Gesetz lautet: „Zur sexuellen Vereinigung trachten immer ein ganzer Mann (M) und ein ganzes Weib (W) zusammenzukommen, wenn auch auf die zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Falle in verschiedenem Verhältnisse verteilt.“ Wenn also z. B. in einem Menschen 3/4 M und 1/4 W vorhanden sind, so gilt er als Mann und findet seine sexuelle Ergänzung in einem Weib mit 1/4 M und 3/4 W. Der (anatomisch-physiologisch) vollkommene Mann (M = 1, W = 0) träfe sein Korrelat in dem vollkommenen Weibe (M = 0, W = 1).  Auf die weitere Ausbildung dieser Formeln gehe ich nicht ein, bemerke aber, daß die Erhellung, die sie auf das dunkle Gebiet der Homosexualität werfen, überraschend genannt werden muß. Das konträre Geschlechtsgefühl ist für Weininger keine Ausnahme von der Regel, sondern ein Spezialfall, der sich aus der Grundformel notwendig ergibt, wenn in einem Individuum die Relation eingetreten ist: M = 1/2, W = 1/2.  Dieselbe Naturgewalt, die die chemischen Elemente zueinander reißt, regiert im Physiologischen, und mit Stolz betont hier Weininger, daß er den leitenden Gedanken von Goethes „Wahlverwandtschaften“ wissenschaftlich klar zu formulieren vermochte. Gegen die Theorie von M und W läßt sich einwenden, daß sie nicht alles erklärt, was gefordert werden könnte, und das gibt ihr Urheber selbst zu. Aber der Vorwurf, den Weininger zu hören bekam, es sei nur das alte Lied, das Schopenhauer in seiner Metaphysik der Geschlechtsliebe angestimmt hat, ist unzutreffend. Ein großer Unterschied ist es, einfach zu sagen: Gegensätze ziehen sich an, dazu einige aphoristische Beispiele zu geben – und das Wesen dieser Gegensätzlichkeit von der hypothetischen Zelleneinheit aus durch die ganze körperliche Organisation durchzufahren selbst der Versuch, in Formeln zu schließen, was unberechenbar schien, ist bedeutend zu nennen. Auf Einwände, die sich aus den komplizierteren psychischen Tatsachen ergeben, werde ich noch zurückkommen. Aber auf jenen Vorwurf, der auch gegen andere Anschauungen Weiningers erhoben wurde, hat schon Kant erwidert: „Denn dergleichen allgemeine und dennoch bestimmte Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen, denen sie nur dunkel obgeschwebt haben. Man muß durch eigenes Nachdenken zuvor selbst darauf gekommen sein, hernach findet man sie auch anderwärts, wo man sie gewiß nicht zuerst würde angetroffen haben, weil die Verfasser selbst nicht einmal wußten, daß ihren eigenen Bemerkungen eine solche Idee zum Grunde liege.  Die, welche niemals selbst denken, besitzen dennoch die Scharfsichtigkeit, alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in demjenigen, was schon sonst  gesagt worden, aufzuspähen, wo es doch vorher niemand sehen konnte.“ (Prolegomena, § 3.)

    Das Problem der sexuellen Anziehung führte aus dem Gebiete der reinen Physiologie; nun tritt ein neues Problem, das der Charakterologie, auf den Plan, das später zu hoher Bedeutung anwachsen soll.  Weininger steht hier auf dem Boden des Parallelismus zwischen Physischem und Psychischem, nicht in dem Sinne, wie er heute meist verstanden wird, sondern in dem allgemeineren, daß jedem körperlichen Elemente ein seelisches zugeordnet sei. Der körperlichen Bisexualität entspricht im Geistigen dasselbe Prinzip. Hier wird der Gedanke der Periodizität im psychischen Leben angeregt (S. 65, 71, 91), der berufen zu sein scheint, eine große Rolle in der Psychologie der Zukunft zu spielen (vgl. Swoboda, op. cit.). Die weitere theoretische Sonderung des M-Gehaltes in einem konkreten Individuum von seinem W-Gehalt ist eine der Hauptaufgaben des Buches. Sie ist in zweifacher Hinsicht zu erreichen: entweder durch die Beschreibung der „sexuellen Mannigfaltigkeit“ im Geistigen, durch die Analyse der allein wirklich existierenden sexuellen Zwischenstufen. Diese Untersuchung wäre mit viel Aussicht auf Erfolg nicht allzu schwierig anzustellen gewesen; die Durchforschung von Biographien verschiedener Persönlichkeiten hätte dabei gute Dienste geleistet. Weininger verschmäht aber diesen Weg, der breit und eben ist, und wählt die zweite, schwierigere Möglichkeit.  Er konstruiert auf synthetischem Wege die „sexuellen Typen“, die ideale Mannespsyche und die ideale Weibespsyche. Bis hierher mußte der Gang der Untersuchung psychophysiologisch sein.  Was für das Gebiet der Morphologie im Körperlichen, das gilt (den Parallelismus angenommen) für das Gebiet der Charakterologie im Seelischen.  Es erschließt sich der Sinn der Physiognomik, ohne daß aber näher in diese noch nicht bestehende Wissenschaft eingegangen werden würde.  „Das Problem der Physiognomik, ist das Problem einer konstanten Zuordnung des ruhenden Psychischen zum ruhenden Körperlichen, wie das Problem der physiologischen Psychologie das einer gesetzmäßigen Zuordnung bewegten Psychischen zum bewegten Körperlichen.  Das eine ist gewissermaßen statisch, das andere rein dynamisch.

 

 

    Weininger unternimmt es nun in dem Schlußkapitel des ersten Teiles, der die Vorarbeit für die Konstruktion der sexuellen Typen zu liefern hat, auf Grund der neugewonnenen Erkenntnisse zum ersten Male, von der Voraussetzung der Bisexualität alles Lebenden aus, die Frauenfrage zu analysieren.  Unerwartetes Licht fällt auf dieses Thema, das doch so abgewendet schien wie der Kuhanger im Herbst.

    Das Kapitel „Die emanzipierten Frauen“ bringt den ersten vorläufigen Abschluß einer empirischen Untersuchung, die, von der physiologischen Theorie des Arrhenoplasmas und des Thelyplasmas ausgehend, im Prinzip der sexuellen Zwischenformen eine theoretische Lösung dessen bietet, was man heute „Frauenfrage“ nennt, jedoch ausdrücklich nur eine Lösung, soweit sie nicht im Bereich der soziologischen und Wirtschafts-Wissenschaften gelegen ist. Diese erste „provisorische“ Lösung (die aber durch die spätere definitive, wertende ganz überwunden ist) kommt zu dem notwendigen Schluß, daß sich in jeder einzelnen Frau die Faktoren emanzipieren wollen, die gar nicht weiblich sind.  Der Man in ihr, alles was M ist, strebt danach, sich von W loszureißen. „Das Emanzipationsbedürfnis und die Emanzipationsfähigkeit einer Frau liegt nur in dem Anteile an M begründet, den sie hat.“ Selbstverständlich ist unter „Emanzipation“ nicht alles das zu verstehen, was heute mit möglichst großer Unklarheit unter dieser Flagge segelt, sondern das Wesentliche: „Der Wille des Weibes, dem Manne innerlich gleich zu werden.“ W selbst hat gar kein Bedürfnis nach Emanzipation, und die Frauen mit geringem Gehalt an M können diesen Gedanken nicht einmal fassen. Nur die Zwischenstufen, die sich schon der Scheidelinie nähern, da M und W je 1/2 werden, haben immer und so auch heute das Bedürfnis nach Emanzipation empfunden und haben auch auf geistigem Gebiete etwas erstrebt und etwas geleistet.  Diese Auffassung ist so einfach und treffend, daß sie jeder, der sie einmal verstanden hat, an seinen eigenen Erfahrungen vielfach bestätigt finden wird; sie geht unendlich gründlicher zu Werke, als etwa die billige Ansicht mancher Männer (z.  B. von P. J. Möbius), die in der Emanzipation eine Degenerationserscheinung sehen will.  Die Frauen, denen die Emanzipation nicht Sport, sondern Ernst ist, sind hierdurch vollständig gerechtfertigt: das männliche Element in ihnen empfindet das weibliche als Fessel und will los von ihm.  Die Theorie von der Bisexualität erklärt zweifellos alles, was Frauen „Bedeutendes“ geleistet haben (mit der homosexuellen Sappho an der Spitze) und erleidet nur eine Komplikation durch die Hysterie, die später zu erledigen ist.  Warum zu gewissen Zeiten die sexuellen Zwischenformen in großer Anzahl auftreten, warum heute so viele Männer weibisch und so viele Weiber mannartig sind, das ist eine offene Frage. Aber die praktische Lösung muß den Zwischenstufen ihr Recht geben, und es wäre unnütze Grausamkeit, die Frauen mit starkem Gehalt an M von den männlichen Berufen auszuschließen. Eine differenzierende Jugenderziehung könnte manches spätere Unheil abwenden.  Die tiefere ethische Lösung der Frauenfrage ist allerdings an dieser Stelle noch nicht möglich.

 

 

 

C. PROBLEME DER ALLGEMEINEN UND DER DIFFERENZIELLEN PSYCHOLOGIE

 

1. Prinzipielles zur Psychologie

 

    Als Fechner, Weber und Helmholtz die experimentelle Methode in die Psychologie einführten, glaubte man eine neue fruchtbare Epoche für diese Wissenschaft angebrochen und hoffte, sie gleich den Naturwissenschaften bald eilende, Fortschritte machen zu sehen. Heute, da ein Unzahl von Versuchsreihen vorliegt, da Institute und Laboratorien aufgerichtet sind, die mit allen physikalischen in Wettbewerb treten können, dämmert den tieferblickenden Köpfen die Erkenntnis, daß es zwar interessante Dinge waren, die da erforscht wurden, aber keine Psychologie. Vermutlich ist auch dieser „Liepziger Wissenschaft“ in Wundts „Psychologischer Psychologie“ ein schöner Leichenstein gesetzt.  Man weiß jetzt mancherlei darüber, wie die Lust aus dem Genusse minimaler Zuckerdosen den Herzschlag beschleunige, wie viele Glühlämpchen schon leuchten müssen, daß man ein neu entflammtes gar nicht bemerke, u. dgl. m. Viele haben wohl auch schon vergessen, daß man ursprünglich etwas über das Seelenleben des Menschen erfahren wollte, und nicht Tabellen über die Mechanik seiner Sinne gewinnen. Richard Avenarius (im Il.  Band seiner „Kritik der reinen Erfahrung“) in Deutschland und der gründlichere William James in Amerika haben die „Mosaik-Psychologie“, die das Seelenleben den alten naturwissenschaftlichen Methoden analog aus Atomen zusammensetzen wollte, bewußt aufgegeben, um an Stelle der Analyse der Empfindungen die Darstellung des vollen psychischen Lebens zu setzen.  „The stream of thought“ heißt das programmatische Kapitel bei James („The principles of psychology“, I, 224) und beginnt so: „We now begin our study of the mind from within.  Most books start with sensations, as the simplest mental facts, and proceed synthetically, constructing each higher stage from those below it. But this is abandoning the empirical methöd of investigation.  No one ever had a simple sensation by itself.“ Vom allgemeinerkenntnistheoretischen Standpunkt aber gibt die beste Definition der Psychologie meines Erachtens F. J. Schmidt („Grundzüge der konstitutiven Erfahrungsphilosophie“, 1901), der sie als „die Wissenschaft von den konkreten Erfahrungsprozessen des individuellen Bewußtseins“ bezeichnet, die vom Erfahrungszusammenhang, nicht von einzelnen Erfahrungsvorgängen auszugehen habe.

  Weininger hält die immanent-psychologische Methode das ganze Buch hindurch fest, und nennt wenig höflich, aber sehr zutreffend die heutige Schulpsychologie, „die zu den Problemen, die man als eminent psychologisch sonst zu bezeichnen gewohnt ist, zur Analyse des Mordes, der Freundschaft, der Einsamkeit usw. gar nicht gelangt, ja zu ihnen gar nicht gelangen kann, weil sie in einer ganz anderen Richtung sich bewegt als in einer, die sie am Ende doch noch dahin führen könnte“, – diese Psychologie nennt er „Empfindungskleister“, und erhebt den Ruf nach einer psychologischen Psychologie: „Hinaus mit der Empfindungslehre aus der Psychologie!“ (James hat damit noch nicht Ernst gemacht.) In dem bereits zitierten wertvollen Buche Swobodas heißt es ganz analog: „Emanzipation von den Methoden der Naturwissenschaft für die Psychologie.“ Weininger fügt der Avenariusschen Unterscheidung aller Bewußtseins-Inhalte in „Elemente“ und „Charaktere“ sogleich einen neuen fruchtbaren Begriff die „Henide“ (von ­½, eins) hinzu. „Element“ ist für Avenarius jede „Empfindung“, „Vorstellung“, „idea“, die mit oder ohne äußeren Reiz auf das Sinnesorgan perzipiert oder reproduziert wird; „Charakter“ der Gefühlston, die psychische Färbung, und zwar nicht nur „angenehm“, „schön“, sondern auch „befremdend“, „unheimlich“, „anders“, „sicher“ etc.  Nun gibt es aber ein Stadium für jeden psychischen Inhalt, wo derselbe wie in einem verschwommenen Hintergrund auftaucht, noch keine Reliefierung besitzt, nicht recht zu fassen ist. Diese psychische Seinsart hat Weininger zuerst erkannt und nennt sie „Henide“.  „Jedem neuen Gedanken geht ein solches Stadium des ‚Vorgedankens?, wie ich es nennen möchte, vorher, wo fließende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen, Nebelbilder auftauchen und zergehen.“... „Anfang und Ende des ganzen Herganges, den ich in seiner Vollständigkeit kurz den Prozeß der ,Klärung? nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung wie die Eindrücke, die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten Gegenständen erhält mit und ohne die korrigierenden Linsen. Und wie im Leben des einzelnen, so gehen auch in der Geschichte der Forschung die ,Ahnungen? stets den klaren Erkenntnissen voran.  Es ist derselbe Prozeß der Klärung, auf Generationen verteilt.“

    Die absolute Henide ist nur ein Grenzbegriff; alle wirklichen psychischen Erlebnisse schwanken fortwährend zwischen ihr und der höchsten, vollkommen gegliederten Klarheit hin und her.  Man kann die einzelne Henide nicht beobachten, sie ist ein Schatten, der durch das „Blickfeld“ (nicht den „Blickpunkt“) huscht; erst wenn er in farbiger, deutlicher Gestalt auftritt, läßt er sich dingfest machen, dann weiß man: dies ist schon früher da gewesen. Der neue Begriff der Henide erlangt in der Sexualpsychologie große Bedeutung.

 

 

2. Das Problem der Charakterologie

 

    Die Erkenntnistheorie (Transszendentalphilosophie) sucht nach Gesetzen, die für alles Sein Geltung haben, die Psychologie nach solchen, die für alle Menschen, die Charakterologie nach noch begrenzteren, die nur für Gruppen von Menschen gelten.  Es gibt heute noch keine wissenschaftliche Charakterologie, keine Lehre von den menschlichen Typen, von den Unterschieden im Wesen der Menschen, und zwar deshalb, weil „das Objekt dieser Wissenschaft, der Charakter, seiner Existenz nach selbst problematisch ist“.  Weininger definiert den Charakter zutreffend als „nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen des Individuums Thronendes, sondern etwas, das sich in jedem Gedanken und jedem Gefühle desselben offenbart“.  Der theoretische sowie besonders auch der praktische Wert einer Charakterologie wäre sehr groß.  Wie viele philosophische und ästhetische Kontroversen würden nicht durch die Erkenntnis nutzlos werden, daß verschieden geartete Menschen die Welt verschieden ansehen müssen, daß das psychische Grundverhältnis Mensch – Welt nicht nur von der Beschaffenheit des allen gemeinsam gegebenen, unveränderlichen zweiten Faktors, sondern viel mehr noch von der subjektiv schwankenden Größe Mensch abhängig ist.  So wäre, nebenbei bemerkt, das Weltproblem, soweit es auf subjektiven Wertungen basiert (als Philosophie des Individuums), als Quotient einer Konstanten durch eine Variable aufzufassen. und die „Weltanschauung“ des einzelnen je nach dem Grade unserer Kenntnis von seinem Typus, also je nach dem Stand der Charakterologie bestimmbar (wobei allerdings über den Typus hinaus ein prinzipiell unauflöslicher Rest in jedem Menschen zurückbliebe).

    Ich will jetzt, abgesehen von Weiningers Buch, das Problem der Charakterologie, das mir eines der wichtigsten für die Psychologie der Zukunft zu sein scheint, selbständig kurz skizzieren. Die Definition der Seele, die für die Psychologie und speziell für die Charakterologie am brauchbarsten ist, dürfte die von J. F. Schmidt sein: „Seele überhaupt ist das Gesetz der Bewußtseinsindividualisierung; die einzelne Seele ist nur ein konkreter Fall dieses Gesetzes“ (op. cit.  S. 200). Wenn man die Seele rein formal als ein Gesetz, ein „funktionales Verknüpfungsgesetz“, faßt[7]), so ist es für die Grundlegung der allgemeinen Psychologie notwendig, diejenigen Bestandstücke aufzusuchen, die den Begriff des Subjektes gesetzmäßig konstituieren. Auf dieser Grundlage müßte die empirische Scheidung des Gegenstandes der Psychologie (a) Tier, b) Mensch) erfolgen, die sich wieder weiter in Psychologie der Tier-Arten und Psychologie der Menschen-Arten spaltete. Aufgabe der differenziellen menschlichen Psychologie (Typologie oder Charakterologie) ist es also, die Differenzierung des allgemeinen menschlichen Seelenbegriffes nach einem wohlbegründeten Prinzip vorzunehmen.  Das Prinzip kann aphoristisch der Erfahrung entnommen werden, oder derart gewählt sein, daß es aus dem allgemeinen Seelengesetz mit einer Notwendigkeit, die konstitutiv darin begründet liegt, hervorgeht.  Nur letztere Methode wäre natürlich wissenschaftlich im eigentlichen Sinn.

    Die Einteilungsmethoden, die ihren Leitfaden der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen entnehmen, sind notwendig willkürlich; sie können den intellektuellen (gedanklich – anschaulich), den emotionellen (liebend – hassend – kalt) oder einen ähnlichen Gesichtspunkt wählen. Wesentlich auf emotioneller Basis steht auch die alte Lehre von den vier Temperamenten, zu der Kant nicht viel Neues hinzugefügt und die Bahnsen noch womöglich verschlechtert hat; ebenso die von Ribot (Psychologie des sentiments, 1903, chap. 12), während andere (Bain 1861, Fouillée 1895) die alte psychologische Vermögenstheorie anwenden.

    Ein besserer, weil systematischerer Gedanke ist es, von vornherein nicht von der Vielheit der wirklichen Menschen auszugehen, sondern a priori (nämlich vor aller Differenzierung, aber nach Setzung der menschlichen Psyche überhaupt) das Verhältnis des Typus zu einer allgemeinen Funktion als grundlegend zu betrachten.  Wenn sich ein solcher rein formaler Einteilungsmodus begründen läßt, so ist er natürlich von der höchsten Allgemeingültigkeit, er bezöge sich auf jeden „überhaupt möglichen“ Menschen, während ja z. B. die vier Temperamente noch ein fünftes zuließen.  Ein solcher Versuch ist in neuester Zeit von Oskar Ewald angestellt worden, der die Menschen an ihrer Relation zur Zeit in historische und elementäre scheidet („Nietzsches Lehre in ihren Grundbegriffen“, Berlin 1903, S. 100 ff.). Ohne hier eine Kritik dieser Theorie zu geben, will ich nur bemerken, daß sie mit Weiningers Methode der sexuellen Typologie die formale Übereinstimmung zeigt, den wirklichen Menschen aus zwei Extremen zusammenzusetzen.  Diese Konstruktion von Typen im Sinne der Platonischen Ideen ist ja wie für jede Wissenschaft, so auch für die Charakterologie zu fordern.

    Weiningers Methode hat zwei Quellen: die einpirisch-psychologische, die die Bruchstücke der Erscheinungswelt zum Typus, und zwar zum Typus Mann und Weib zusammenschaut, die Erfahrung am logischen Begriff reinigt; und die deduktive, die später auftritt, die beide gewonnene Typen an einer allgemeinsten Funktion (wie oben gesagt) mißt.  Weininger hat die für alles Menschliche letzte Funktion, den Wert, hier als maßgebende Instanz eingeführt.  Die Menschen, die in einem Verhältnis zum absoluten Wert (den er formal als zeitloses, logisches Sein faßt), in einem positiven oder negativen Verhältnis dazu stehen (M), und die, denen dieses Verhältnis fehlt (W). Der Gedanke ist grundlegend zu nennen; aber er leidet an dem methodischen Übelstand, daß. der Begriff des absoluten Seins (meinem Dafürhalten nach ganz überflüssigerweise) die Theorie der Metaphysik annähert und so manchen abhält, an die Sache heranzutreten.

    Das Bewußtsein des ethischen Wertes ist zweifellos das tiefste, was im Menschen gefunden werden kann, und vom letzten menschlichen muß das Einteilungsprinzip entnommen werden, um zwingend zu sein.  Auf Einzelheiten komme ich später zurück.  Zur Veranschaulichung der Methode, die aus der Zusammensetzung zweier extremer Typen die Wirklichkeit zu erreichen strebt, will ich aber eine historische Analogie aus der Architektur geben.  Man kann alle Baustile aus zwei Extremen komponiert denken (vom skulpturalen sehe ich ab): aus dem horizontalen Stil, der in der griechischen, und aus dem vertikalen Stil, der in der gotischen Baukunst eine annähernde Verkörperung gefunden hat.  Nur sie besitzen in ihrer niedrigen Gedrängtheit einerseits, in ihrer himmelstrebenden Leichtigkeit anderseits, vollendete struktive Eigenart, und nur sie scheinen die höchste ästhetische Befriedigung auszulösen.  Die anderen Stile lassen sich als Mischformen, als architektonische „Zwischenstufen“ auffassen.  Der gotische Turm ist seiner Idee nach der vollkommenste Gegensatz zu allem Griechentum, die massige Cella aus Quadern ganz antigotisch.  Die Zwischenformen neigen nach dem einen oder dem anderen Extrem hin.  Und im Pflanzenreich hat Goethes Auge das „entschieden-männliche“ vertikalstrebende und das „entschieden weibliche“ spiralstrebende System gesehen („Über die Spiraltendenz der Vegetation“).

 

 

 

3. Die sexuellen Typen

 

    Die psychologische Wissenschaft ist von Männern gemacht worden und war immer, ohne daß man sich hierüber Rechenschaft gelegt hätte, Psychologie des Mannes. Da Frauen erfahrungsmäßig über sich nichts Wesentliches mitzuteilen wissen, so bleibt man bei dem Unternehmen einer weiblichen Psychologie hauptsächlich auf das im Manne angewiesen, was Weibliches in ihm vorhanden ist: das Bestehen der sexuellen Zwischenformen ist also die Voraussetzung für eine Psychologie der Frau.  Weininger stellt nun die Frage nach den psychologischen Unterschieden zwischen Mann und Weib. Es handelt sich ihm hierbei nicht um die psychologische Beschreibung der Männer und Frauen, denen wir täglich begegnen, sondern um die Aufsuchung des psychologischen Einheitsgesetzes, das den reinen Mann-Typus (M) und den reinen Weib-Typus (W) konstituiert.  Da ich die Typen-Psychologie für eine wichtige Sache halte, will ich sie noch weiter darlegen.  Man kann die Typen auffassen als eine Anwendung der Kantischen Vernunftbegriffe auf das Gebiet der Psychologie.  „Dergleichen Vernunftbegriffe werden nicht aus der Natur geschöpft, vielmehr befragen wir die Natur nach diesen Ideen und halten unsere Erkenntnis für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat ist.  Man gesteht: daß sich schwerlich reine Erde, reines Wasser, reine Luft etc. finde.  Gleichwohl hat man die Begriffe davon doch nötig (die also, was die völlige Reinigkeit betrifft, nur in der Vernunft ihren Ursprung haben), um den Anteil, den jede dieser Naturursachen an der Erscheinung hat, gehörig zu bestimmen“ (Kr. d. r. V., Kehrbach, S. 504).  Diese Begriffe dienen nur zum „regulativen Gebrauche“, d. h. sie sind ein Leitfaden, eine Methode, die Wirklichkeit konsequent in einer Richtung bis zu Ende zu denken.  So ist alle Wissenschaft Theorie der Ideen (im Sinne Platons).  In jedem einzelnen Naturgegenstand sind alle Gesetze der Physik darin.  Der Bleistift auf dem Tisch kann unter einer regulativen Idee aus dem Gebiete der Mechanik, der Optik, der Elektrizitätslehre, des Magnetismus, der Chemie, der Mineralogie etc. betrachtet werden, und daß man aus einem Erscheinungskomplex mechanische Gesetze zu abstrahieren vermag, ist nur möglich, weil sie vorgedacht, ideell postuliert worden sind.  So ist's mit der Charakterologie.  Der einzelne Mensch ist ein Ganzes, das nach seiner Muskelstärke, nach seiner ästhetischen Feinfühligkeit, nach seiner Religiosität etc. betrachtet werden kann.  Die Theorie von den vier Temperamenten ist nicht falsch, aber unvorteilhaft; sie führt nicht weit.  Weiningers Formeln von M und W wirren die Vielheit der Erscheinungen weit auf und sind so der elektromagnetischen Theorie Maxwells zu vergleichen, die alle anderen wegen ihrer größeren „Ökonomie“ und Einheitlichkeit besiegt hat.  Ich habe aber bisher nur von ihrem formalen Bau, nicht vom Inhalte gesprochen.

    Der wesentlichste Einwand, der gegen Weininger überhaupt und besonders gegen seine sexuelle Psychologie erhoben wurde, ist der, er habe es nicht hinlänglich einleuchtend gemacht, daß dem Typus M auch wirklich alle die guten Qualitäten, dem Typus W die schlechten beizulegen seien.  Da ja beide nicht in der Wirklichkeit vorkämen, sondern nur theoretische Gebilde wären, so sei es zumindest willkürlich, wenn nicht falsch, das auf die wirklichen Männer und Frauen zu übertragen, was seine Typen konstituieren solle.  Ich glaube, daß dieser Einwand, dem ich an sich einige Berechtigung zuerkenne, der erste Einwand gegen alle Psychologie, nur in verkleideter und spezifizierter Form ist: Wie kann man Beobachtungen beweisen?  Die Typen M und W bestehen ja nur aus allen den Elementen, die sich bei den wirklichen Männern und Frauen vorfinden.  Die Eigenschaften der Frauen, die im Manne nur in geringer Stärke vorhanden sind, bei körperlich sehr typischen Männern zum Teil fehlen, das sind die spezifisch weiblichen Eigenschaften.  In unsystematischer Weise sind sie schon öfters von Künstlern und Denkern erkannt worden, aber sie alle zusammenzufassen und in einen Typus zu schmieden, das war die Leistung Weiningers.  Ob ihm die Zusammenfassung ganz geglückt ist, ob er nicht manches übersehen, anderes mit aufgenommen hat, was vielleicht gar nicht typisch sein mag, ist eine zweite Frage.  Aber die Konstruktion des Typus, des Kanons, ist für die Charakterologie grundlegend.  Die Beschreibung der Wirklichkeit gibt allenfalls ein Charakterbild oder eine Novelle, aber nie eine Theorie.  Die Gebilde der Kristallographie werden von dieser Wissenschaft erzeugt, und nur soweit sich der wirkliche Kristall mit ihnen deckt, ist er z. B. als Oktaeder anzusehen.  In der Natur kommt noch viel seltener ein reines M oder W vor als ein reiner Oktaeder oder Dodekaeder.  Hat Weininger Fehler gemacht, so müssen sie eben verbessert werden.

    Ich gehe zur Darstellung der Typen über.  Was im Bewußtsein der Frau vorgeht, ist viel unklarer, verworrener als bei M. Die psychischen Inhalte sind beiden gemeinsam, aber der Mann hat in gegliederten Vorstellungen das, was bei der Frau im Vorstadium, im Henidenstadium geblieben ist.  Denken und Fühlen sind hier eine ungesonderte Einheit, beim Mann können sie auseinandergehalten werden.  Wie die seelischen Data bei M schärfer und gegliederter sind als bei W, so sind bei ihm Körper und Gesichtszüge entschiedener, seine Sinne feiner, seine Schmerzempfindlichkeit größer, weil klarer bewußt.  Der Urteilsakt „setzt eine gewisse Entfernung vom Henidenstadium voraus“, und ist daher spezifisch männlich; W erwartet „die Klärung ihrer dunklen Vorstellungen, die Deutung ihrer Heniden“ von M. Die Klarheit im Denken, die die Frau vom Manne fordert, wirkt als ein (tertiärer) männlicher Geschlechtscharakter auf sie.  Jedes Element in W ist auf M angewiesen, um klar zu werden; gleich dem Mond, der sie beherrscht, muß W fremdes Licht borgen, daß es aus dem Dunkel tappe.  An sich ist W immer und durchaus sexuell, „W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnis zum Mann und Kind vollständig auf, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz vollkommen ausgefüllt, während M nicht nur sexuell ist“.  „W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch etwas darüber." Was W tut, denkt, fühlt, hat Bezug auf das Geschlechtsleben, von der frühesten Jugend an ist dies das ens entium der Mädchen, während der Knabe es als Fremdes, als Störendes empfindet, und überhaupt erst zur Zeit der Pubertät notgedrungen davon Notiz nimmt.  Das Weib ist fortwährend sexuell, alle Teile seines Körpers sind sexuell, und daher ist es auch von allen Teilen sexuell erregbar.  Der Mann ist nur intermittierend, sexuell, seine Geschlechtlichkeit ist im Körper eng lokalisiert, sie füllt ihn nicht aus, er kann sich eruptiv von ihr befreien und kennt noch anderes im Leben und Sinnen.  Daß dem so ist, darüber kann sich die Frau nie klar werden, weil man nur etwas verstehen kann, was man sich gegenüberzustellen vermag, was einem Objekt werden kann.  W ist aber „nichts als Sexualität, ist die Sexualität selbst“.  Im Mann ist Sexuelles und Asexuelles vorhanden, eines kann am anderen bewußt werden, er kann sich darüber Rechenschaft legen, er kann beides zur psychischen Abhebung bringen.  „Ethisch betrachtet kulminiert das Weib in der Prokreation.  Deshalb sagt die Schrift, daß nach dem Manne sein Verlangen stehen soll.  Wohl steht auch des Mannes Verlangen nach ihm, aber sein Leben kulminiert nicht in diesem Verlangen, es sei denn Torheit und Verlorenheit.  Dies aber, daß das Weib hierin kulminiert, beweist genau, daß es sinnlicher ist“, sagt Sören Kierkegaard. Ich werde diesen Geist ersten Ranges, mit dem mir Weininger so viel Ähnlichkeit im Denken und Leben zu haben scheint, wie mit keinem anderen historischen Menschen, noch öfters heranziehen.  Vielleicht wird eine Zeit, die diesem Phänomen nicht mehr so fremd gegenübersteht wie unsere (oder täusche ich mich da?), auch Weininger besser begreifen.[8]) Ich will gleich die Gelegenheit zu einem anderen Zitat benützen, das sich auf die Methode der Psychologie bezieht: „Wer sich im höheren Stil mit Psychologie und psychologischer Beobachtung beschäftigt hat, der hat sich eine allgemein menschliche Geschmeidigkeit erworben, die ihn in den Stand setzt, sich stracks seine Beispiele zu bilden, und diese haben dann eine ganz andere Beweiskraft, obschon sie das Ansehen der Faktizität nicht besitzen.“ „Hat er sich darin vervollkommnet, so braucht er seine Beispiele nicht aus einem literarischen Repertorium hervorzusuchen und abgestandene Reminiszenzen aufzuwärmen; er bringt seine Beobachtungen frisch aus dem Leben gepflückt, noch glänzend und sprühend in ihrem reichen Farbenspiel“, usw.  Dies und noch viel mehr ist wie auf die Art gemünzt, mit der Weininger Menschen beobachtete.  Sein Blick drang sehr tief hinab.  Ich habe mich öfters von der wörtlichen Richtigkeit seiner Angabe überzeugt, er könne jedem Menschen sein sexuelles Komplement beschreiben.  Die Aussagen, die er über Personen zu machen wußte, die er nur kurz gesprochen oder nur gesehen hatte, waren merkwürdig sicher; aber zweifellos hatte er es mehr seiner außerordentlichen Anlage für das Verständnis alles Menschlichen als seiner Theorie zu danken, wenn er dies vermochte.  Ich habe ihn, öfters erprobt und in Versuchung geführt, aber stets mußte ich über sein schnelles Urteil und über seinen sicheren Blick staunen.

    Die Polarität in der Welt, bekanntlich einer der Hauptgedanken aller Naturphilosophie, findet sicherlich nirgends einen so wahren Ausdruck wie im Menschen. Doch muß man sich darüber klar sein, daß eine rein quantitative Mischung der Elemente nicht zureichte, sich das einzelne wirkliche Individuum verständlich zu machen.  Es ist eine vollständige Durchdringung anzunehmen, worin beide Extreme in modifizierter Form geeint sind, und es darf nicht vergessen werden, daß die Extreme zu theoretischen Zwecken erdacht wurden.  Ich gehe vielleicht über den Text Weiningers hinaus, jedenfalls nicht über seine Meinung, wenn ich die charakterelle Wirklichkeit aus einer qualitativen Synthese zusammengesetzt denke.  Wie im Menschen nicht Intellekt, Gefühl und Wille nach der Annahme der alten Psychologie als besondere „Seelenvermögen“ vorhanden sind (obwohl diese Hypothese zu mancher guten Erkenntnis geführt hat), sondern nur eine einheitliche, organisch gewachsene Psyche existiert, so sind die Elemente M und W im Individuum nicht gemengt, sondern zu einem durchaus unlösbaren Ganzen legiert, jedes von ihnen in der Verbindung chemisch verändert, und die Angabe des Gehaltes an M und W erschöpft dieses Verhältnis nicht, sie gibt nur einen Anhaltspunkt über das Wieviel? nicht über das Wie?  Das, Genie z. B. ist nicht (nach dem späteren) nur höchstgesteigerte Männlichkeit, sondern es enthält auch W-Elemente, aber in überwundener, nicht aktueller Form.  So ist anzunehmen, daß die Quantität der in die Verbindung eingegangenen Elemente bei zwei Menschen gleich sein könne, die Art der Verbindung aber verschieden.  Weininger meint etwas ganz ähnliches mit den Worten: „Trotz allen sexuellen Zwischenformen ist der Mensch am Ende doch eines von beiden, entweder Mann oder Weib.“

    Ich fahre in der Beschreibung der Typen M und W fort; da aber Weininger (in den Kapiteln 4 bis 8 des zweiten Teiles) seine Stellung zu den Problemen der Logik und Ethik begründet, seine Analyse des Genies gegeben und im engen Anschluß an Kant und, Fichte die Existenz des intelligiblen Ich angenommen hat, was ich alles erst später berühren kann, so muß ich die damit gewonnenen Begriffe etwas sprunghaft einstweilen voraussetzen, ohne sie analysiert zu haben. Für Weininger liegt im Postulat der höchsten Bewußtheit die Idee des Menschen, die sich im Genius rein ausspricht und in der höchsten und einzigen Pflicht, der zur Wahrheit, ihren Ausdruck findet. Hier treffen die Postulate der Logik und der Ethik, die Imperative des wahren Denkens und des reinen Handelns zusammen.  Die Lehre vom Menschen als Mikrokosmos, als, Welt im Ich, tritt hinzu.

    Die logischen und ethischen Phänomene, die den Menschen von allen übrigen Wesen unterscheiden, mangeln W, es kennt nicht die Funktion des Postulates, d. h. das imperativische Wollen des Wahren (logisches Postulat) und des Guten (ethisches Postulat), und so entfällt die Notwendigkeit, die sich für M herausgestellt hat, die Annahme des transszendentalen Subjektes, der Seele, auf W auszudehnen.  Weiningers Hypothese vom intelligiblen Ich werde ich an ihrem Ort besprechen.  Der Gedanke von der Seelenlosigkeit der Frau ist dem germanischen Mythus seit je geläufig gewesen. Fouqués berühmte Undine, lbsens Frau vom Meere, Strindbergs Fräulein Julie sind neuere Gestaltung dieses Glaubens.  „Undine, die seelenlose Undine, ist die platonische Idee des Weibes.  Trotz aller Bisexüalität kommt ihr die Wirklichkeit meist sehr nahe.“ Der Mann kann alles werden, er hat teil an der ganzen Welt und steht in Beziehung selbst zum „bestirnten Himmel“ – er kann auch zum Weib werden.[9]) Aber die Frau kann nie Mann werden.  Ein weiblicher Genius gar ist ein Ungedanke, denn Genialität ist ja nur gesteigerte, voll entfaltete, höhere, allgemein bewußte Männlichkeit.  Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib in sich; aber das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall, und der Teil kann nie das Ganze in sich schließen.  Das Weib erkennt nicht die Pflicht zur Wahrheit an, es kann nicht einem höheren Selbst Treue wahren.  Die Fähigkeit zur Wahrheit entstammt aber dem Willen zur Wahrheit, und so hat kein Weib wirkliches Interesse für Wissenschaft; die Wahrheit wird ihm Mittel für andere Zwecke, und „cherchez l'homme“ gilt viel allgemeiner für die Frauen als „cherchez la femme“ für die Männer.  Dem Mann, der sich als Ich fühlt, der sich von allem Nicht-Ich scharf geschieden weiß, sieht Grenzen und kennt Ehrfurcht vor dem fremden Ich; ihm wird Einsamkeit und Gesellschaft immer irgendwie Problem.  Die Frau ist nie einsam, auch nicht, wenn sie allein ist; sie lebt in einem Zustande der Verschmolzenheit mit allen Menschen, die sie kennt.  Diese Verschmolzenheit ist etwas durchaus Sexuelles, und daher äußert sich alles weibliche Mitleid in körperlicher Annäherung an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit, sie muß streicheln und trösten.  Der harte Strich, der Persönlichkeiten scheidet, fehlt da; weint einer, so weint sie mit, lacht wer, so lacht sie mit, sie ist wesentlich funktional verknüpft.  Es gibt keine Gesellschaft ohne Gerechtigkeit, und für diese Tugend, die in der Anwendung der Idee der Wahrheit auf das Praktische besteht, in der sich Logik und Ethik durchdringen, hat W kein Verständnis.  So ist W unsozial, und es muß so sein, denn nur Wesen mit bewußter Persönlichkeit haben Sinn für Recht und Staat, achten und schätzen die Person des anderen.  Wie sich alles Staatenwesen, diese Vorbedingung zur Kultur, nicht aus dem sexuellen Familienverbande, sondern aus dem Männerbund entwickelte, hat kürzlich Heinrich Schurtz („Altersklassen und Männerbünde“, 1902) an reichem ethnologischem Material nachgewiesen.  Mit der senilen Rückbildung der Frau erlischt auch die Fähigkeit zu geistiger Anspannung, die ja bei ihr nur im Gefolge sexueller Zwecke auftrat und diesen dienstbar gemacht wurde.  Der Mann wird nie in dem Sinne völlig alt wie das Weib, und es ist die geistige Rückbildung hier durchaus nicht notwendig, sondern nur in einzelnen Fällen mit der körperlichen verknüpft.

    W ist seelenlos.  Dieses Resultat ist für die Psychologie von großer methodischer Wichtigkeit, denn die Psychologie von M und von W muß getrennt behandelt werden. Für W scheint eine rein empirische Darstellung des psychischen Lebens möglich, für M muß jede Psychologie nach dem Ich als dem obersten Giebel des Gebäudes in der Weise tendieren, wie Kant dies als notwendig eingesehen hat.  Die moderne „Psychologie ohne Seele“ ist eine eminent weibliche Psychologie.  Weininger kommt so zu dem konsequenten Resultat, daß eine Psychologie im bisherigen Sinne nur von der Frau, nicht aber vom Manne möglich sei, man wollte sich denn, mit dem dürftigen Ergebnis der Assoziationsmechanik und der Psychophysik begnügen.  „Im Wesen aller Psychologie liegt es, das Unableitbare ableiten zu wollen, ihr endliches Ziel müßte, deutlicher gesprochen, dieses sein, jedem Menschen seine Existenz und Essenz zu deduzieren.  Dann wäre aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge eines Grundes, determiniert.“ „Im Augenblick, wo ich völlig deduziert, völlig subsumiert werden könnte, hätte ich allen Wert verloren, und wäre eben seelenlos.  Mit der Freiheit des Wollens wie des Denkens ist die Annahme der durchgängigen Bestimmtheit unverträglich, mit welcher alle Psychologie ihr Geschäft beginnt.  Wer darum an ein freies Subjekt glaubte, wie Kant und Schopenhauer, der mußte die Möglichkeit der Psychologie als Wissenschaft leugnen.“ –